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Mit Gedanken die Welt steuern (Control the world with thoughts)

February 9, 2012

5. Deutscher Innovationsgipfel in München

Hochkarätig besetzt ist er, der 5. Deutsche Innovationsgipfel: Auf der eintägigen Veranstaltung geben sich Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung und Medien den Laserpointer in die Hand, um über die Zukunft zu referieren. Dieses Jahr eröffnet Rafael Popper den Münchner Gipfel. Der Ökonomieprofessor und Zukunftsforscher aus Manchester stellt sein neuestes Projekt vor, das er für die EU entwickelte: Ein Frühwarnsystem für Innovationen, die der Politik verborgen bleiben, aber Auswirkungen auf unsere Zukunft haben.

By Reuters

5. Deutscher Innovationsgipfel: Zukunftsforscher im Interview

Eingepflanzte Nano-Chips oder Demokratie per Mausklick: Vor dem Innovationsgipfel in München erklärt Zukunftsforscher Rafael Popper im heute.de-Interview, was uns in die Zukunft katapultieren könnten – vielleicht die Gehirnsteuerung.

heute.de: Herr Popper, Ihr Institut hat eine Million Euro von der EU bekommen, um ein Innovations-Radar zu schaffen. Was ist dabei herausgekommen?

Rafael Popper: Wir haben eine Web-Plattform namens “iKnow” aufgebaut, die seit drei Jahren erfolgreich läuft. Sie ist offen zugänglich. Darin kombinieren wir netzbasiertes Crowdsourcing mit Experteninterviews, Workshops und Befragungen. Anschließend werten wir die Daten aus, kategorisieren und bereiten sie auf. Die Themengebiete sind breit gestreut, es geht um Technologien, Strategien, Produkte, Dienstleistungen et cetera.

heute.de: Also eine Art “Forschungs-Wikipedia”. Können Sie ein paar Beispiele geben, wie die EU davon profitiert?

Popper: Für die europäische Landwirtschaft wird es etwa immer wichtiger, den Klimawandel zu bewältigen. Das bedeutet, dass dürre-resistente Nutzpflanzen und neue Ansätze für Anbau und Bewässerung gebraucht werden. Ein weiteres Beispiel wären sehr kleine lokale Kernkraftwerke, die europäische Städte von den schwer kritisierten europäischen Energiesystemen unabhängig machen. An solchen Hebeln kann die Politik dann ansetzen.

heute.de: Gibt es eigentlich noch nennenswerte Innovationen außerhalb von Unternehmenslabors?

Popper: Ja, vor allem soziale und ethische Neuerungen. Wie im Gesundheitswesen oder der öffentlichen Bildung, obwohl diese vermehrt von wirtschaftlichen Interessen bedroht werden. Manche Innovationen sind stark genug, um in die Unternehmenskulturen einzusickern. Facebook sollte 2004 ein paar tausend Harvard-Studenten vernetzen. Inzwischen hat der Konzern 845 Millionen aktive Nutzer und mehr als 3.000 Mitarbeiter.

heute.de: Man könnte den Eindruck bekommen, dass Unternehmen Innovationen verzögern, solange mit einer alten Technologie noch Geld gemacht werden kann. Ist das ein Trend?

Popper: Nur, wenn es um Weiterentwicklungen geht. In Hightech-Branchen wie der mobilen Kommunikations- und Computerbranche liegt der Mechanismus fast auf der Hand. So deutet einiges darauf hin, dass es die Verzögerung des iPhone 5 wegen des Markterfolges des iPhone 4 und 4S gibt.

Zur Person

Rafael Popper lehrt am “Institute of Innovation Research” der Universität Manchester und forscht zusätzlich für internationale Institute. Seit 1990 gilt Popper als Pionier und Entwickler in seinem Spezialgebiet, der Vorhersage und Auswertung ökonomischer Daten zum Nutzen der Politik. Mehr Informationen gibt es in seinem Blog .

heute.de: Was wird denn das “nächste dicke Ding” nach der Digitalisierung?

Popper: Das könnte die Gehirnsteuerung und -Kommunikation sein. Hier gibt es bereits bahnbrechende Innovationen bei der Hirn-zu-Hirn-Kommunikation als auch Durchbrüche bei den “Brain-Computer Interfaces” (BCI). Das sind Gehirn-Computer-Schnittstellen, über die Gelähmte sich über ein Exo-Skelett wieder bewegen können. Deutschland könnte da übrigens eine Schlüsselrolle spielen: Ein Team des Max-Planck-Instituts für Intelligente Systeme hat den den BCI-Award 2011 gewonnen.

Eine weitere große Sache könnte eine echte direkte Demokratie über das Internet sein. Die Aufgabe von Politikern, Gesetzgebern und Richtern besteht dann darin, dass sie ihren Wählern zeitnah und nachvollziehbar Wahloptionen anbieten. Das Volk stimmt dann darüber per Internet oder TV ab – fast ein wenig wie bei “Big Brother” oder Castingshows. So ein politisches System könnte dann angewendet werden, wenn es um Entscheidungen geht, die uns oder spätere Generationen beeinflussen werden. Zum Beispiel bei umstrittenen militärischen Interventionen, Gesundheitsreformen oder großen Entscheidungen der Euro-Zone.

heute.de: Die Zukunft ist ja nicht immer bequem: Welche Szenarien machen Ihnen Freude, welche schrecken Sie ab?

Popper: Inspirierend fände ich ein Nano-Labor in meinem Körper; also ein implantierter Chip, der die Körperfunktionen misst und sich meldet, wenn sich Werte kritisch verändern. Etwas, das mir Angst einjagt, wäre dagegen der Gebrauch von Innovationen, um unser Leben erheblich zu verlängern oder den Alterungsprozess zu stoppen. Die sozio-ökonomischen Folgen der Spannungen zwischen den Generationen wären fatal.

Das Gespräch führte Anatol Locker
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